Von der Route zur Vision – oder: Wie ein paar fehlende Sicherungen zur Erkenntnis führten

Klettern hat Gemeinsamkeiten zu vielen Aspekten im Leben: Manchmal sind alle Haken da, und manchmal hängt man mit den Füssen in der Luft und fragt sich, warum man überhaupt angefangen hat. Genau das ging mir durch den Kopf, als ich kürzlich das erste Mal auf einer sogenannten «Mixed-Trad»-Route unterwegs war. Mixed Trad bedeutet: Einige (spärlich gesäte) Bohrhaken sind vorhanden, dazwischen müssen die Sicherungen auf traditionelle Art selbst angebracht werden.

Darin bin ich noch nicht besonders geübt, und so verzichtete ich je länger desto öfter auf Zwischensicherungen. Denn das Setzen erfordert nicht nur Zeit, sondern auch Kraft und eine saubere Technik, was für eine Anfängerin in diesem Bereich alles zusätzliche Herausforderungen darstellt. In einfachen Routen bin ich mir das Klettern mit so grossen Abständen gewohnt, aber sobald es technischer wird, sieht die Sache schon anders aus. So wuchsen mit jedem Meter nicht nur die Abstände zwischen den Sicherungen, sondern auch mein Herzschlag und die Schweissbildung. Gleichzeitig stieg aber auch meine Motivation, diese Route unbedingt zu schaffen. Mein gesamter Fokus lag darauf, Griff für Griff konzentriert weiterzukommen, und negative Gedanken an diese Grenzerfahrung bewusst auszublenden.

Am Ende meinte mein Kletterpartner nur:
„Wow, du bist mental so stark, das hätte ich nie geschafft!“

Die Erkenntnis? Mentale Stärke zeigte sich ganz zufällig. Hätte ich jede Zwischensicherung gesetzt, hätte ich wohl nie bemerkt, dass ich auch mit grösseren Abständen ruhig und fokussiert bleiben kann. Diese Fähigkeit ist beim Klettern essenziell, denn nicht immer lassen sich Sicherungen in kurzen Abständen anbringen. Und so entstand letzten Samstag meine Vision: Als Kletterin möchte ich lernen, grössere Sicherungsabstände auch in schwierigeren Routen bewusst zu akzeptieren und dabei mental stabil zu bleiben.

Diese Erfahrung lässt sich auch auf viele andere Lebensbereiche übertragen: Manchmal muss man Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben, selbst wenn die Absicherung nicht perfekt ist.

Theorie trifft Praxis: Visionen handlungsorientiert umsetzen

In der Sportpsychologie wird eine Vision als inneres Bild eines wünschenswerten zukünftigen Zustands verstanden, das Handlungen und Emotionen lenkt. Eine klar formulierte Vision kann Motivation, Ausdauer und Selbstvertrauen stärken.

Auch die „action-specific perception“-Theorie verdeutlicht: Unsere Wahrnehmung hängt davon ab, wie wir unsere eigenen Fähigkeiten einschätzen. Wer sich kompetent fühlt, nimmt Herausforderungen als machbar wahr und bleibt ruhiger (Witt, 2011).

Das Schöne daran ist: Man muss keine Profiathletin sein, um solche Konzepte im Alltag anzuwenden. Entscheidend ist, Theorie in Handlung zu übersetzen:

  • Innere Bilder entwickeln: Stellen Sie sich Ihre Vision lebhaft vor. Wie sieht es aus, wie fühlt es sich an, wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben?
  • Schrittweise handeln: Grosse Ziele entstehen über kleine Etappen. Beim Klettern heisst das: bewusst grössere Sicherungsabstände ausprobieren, aber die Bewegungen dennoch geplant und kontrolliert setzen.
  • Mentale Routinen aufbauen: Kurze, positive Selbstinstruktionen vor jeder Bewegung („Ich vertraue meiner Technik“) helfen, fokussiert und ruhig zu bleiben.
  • Reflexion verankern: Nach der Herausforderung notieren, was funktioniert hat und welche Strategien Sie stärken.

Durch dieses Verbinden von Theorie und Praxis wächst mentale Stärke Schritt für Schritt. Wie auf einer Kletterroute zählt dabei jeder Griff und jeder Moment der Konzentration.

Mentale Stärke trainieren: Ihre persönliche Kletterroute im Kopf

Nebst meiner Leidenschaft für den Bergsport habe ich kürzlich mein Psychologiestudium abgeschlossen und bilde mich aktuell in Sportpsychologie weiter. Mich fasziniert an der Sportpsychologie besonders, dass sie direkt erlebbar ist: Man sieht, wie mentale Strategien Athletinnen und Athleten nicht nur theoretisch stärken, sondern im Training und im Wettkampf unmittelbar Wirkung zeigen. Genau dieses Zusammenspiel von Wissen und Praxis macht meine Arbeit bei der Sport Mental Akademie für mich so wertvoll. Denn hier erlebe ich täglich, dass Theorie allein nicht ausreicht. Mentale Stärke entsteht nicht im Seminarraum oder am Schreibtisch, sondern dort, wo wir Herausforderungen aktiv annehmen und reflektieren. Dafür möchte ich Ihnen eine kleine Übung mitgeben als Werkzeug für Ihren mentalen (Kletter-)Rucksack:

Übung: Ihre mentale Kletterroute

  • Schreiben Sie drei Situationen auf, in denen Sie mehr geschafft haben, als Sie sich zugetraut haben.
  • Notieren Sie, welche inneren Ressourcen oder Einstellungen Ihnen dabei geholfen haben.
  • Formulieren Sie daraus eine Vision für Ihre sportliche oder persönliche Zukunft.

Lesen Sie diese Vision regelmässig und stellen Sie sich vor, wie sie sich in eine mentale Kletterroute verwandelt: Ein inneres Bild, das Sie Schritt für Schritt weiter nach oben führt, auch wenn die nächste Sicherung einmal weiter entfernt ist. Indem Sie Erlebnisse bewusst reflektieren und in eine Vision überführen, schaffen Sie sich eine Route, die Sie trägt, Halt gibt und Ihnen zeigt, welches Potenzial in Ihnen steckt. Denn am Ende des Tages sind es nicht die perfekten Abstände zwischen den Haken, die uns stärker machen, sondern die Momente, in denen wir lernen, ihnen mit Mut und Vertrauen zu begegnen.

Quellenangaben:

– Gould, D., & Udry, E. (1994). Psychological skills for enhancing performance: Arousal regulation strategies. Medicine and Science in Sports and Exercise, 26(4), 478 – 485.
– Vealey, R. S., & Chase, M. A. (2016). Self-confidence in sport: Conceptual and research advances. Routledge.
– Weinberg, R. S., & Gould, D. (2023). Foundations of sport and exercise psychology (7th ed.). Human Kinetics.
– Witt, J. K. (2011). Action’s effect on perception. Current Directions in Psychological Science, 20(3), 201- 206.

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Der Autor

Name: Ronja Barelli

Beruf: Psychologin

Website: w1nner.com

Motto: «Der Kopf geht voran. Der Körper folgt.»

Ronja Barelli

Ronja Barelli bringt als Praktikantin frische Perspektiven aus der Psychologie und dem Bergsport mit. Durch ihr Studium sowie vielfältige praktische Erfahrungen –  vom Outdoor-Guide bis zur Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin – vereint sie theoretisches Know-how mit fundierter Feldkompetenz. Der Fokus auf Bewegung, mentale Prozesse und persönliche Entwicklung spiegelt sich auch in ihrer laufenden Weiterbildung zur Fachpsychologin für Sportpsychologie wider. Ihr Interesse gilt dem Zusammenspiel von Körper und Geist; und dem Ziel, Menschen dabei zu unterstützen, ihre mentale Stärke ebenso bewusst zu trainieren wie ihre körperliche. Dabei ist es ihr wichtig, mit Klarheit, Wertschätzung und Praxistauglichkeit zu begleiten.