Immer weiter. Immer höher. Immer besser. Sportler:innen sind meist ehrgeizig. Sie wollen das Maximum. Das Maximum aus ihrem persönlichen Potenzial. Ein Rückschritt hat in einer Karriereplanung keinen Platz. Das ist schade. Und vor allem: Es ist falsch.

Ich durften in den vergangenen Jahren viele Dinge in der Rolle als Sport Mental Trainer lernen und beobachten. Dadurch entstehen immer wieder neue Thesen. Eine davon ist die Faszination von einem Rückschritt. Oft entstehen grosse Durchbrüche aus den tiefsten Tälern. Aus Rückschritten. So unangenehm, schmerzhaft und entmutigend sie auch sein mögen – sie tragen eine Kraft in sich, die auf den ersten Blick kaum zu erkennen ist. Und gerade deshalb sind sie oft das wertvollste Geschenk auf dem Weg zur persönlichen Entwicklung.

Die Angst vor dem Rückschritt

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Höher, Schneller und Weiter das Mass aller Dinge sind. Ein Rückschritt wird schnell als Schwäche oder Scheitern wahrgenommen. Die Medien sind in dieser Hinsicht ebenfalls schlechte Begleiter für Athleten:innen. Praktisch ausnahmslos sehen die Sportler:innen, die ich betreuen darf, in einem Misserfolg zunächst nur ein Ende. Ein Punkt. Eine Sackgasse. Doch mit etwas Abstand – und dem Mut, hinzuschauen – offenbart sich häufig: Der Rückschritt war der Beginn von etwas Neuem. Etwas Grösserem. Etwas Wahrhaftigem. Ich erkläre es in einem Beispiel von einer Mountainbikerin: Ich erinnere mich gut an sie und durfte sie mehrere Monate begleiten. Sie war technisch hervorragend, mental stark und körperlich topfit bis sie bei einem grossen internationalen Event stürzte. Dieser Moment hat sie tief erschüttert. Nicht nur körperlich, sondern vor allem mental. Sie stellte plötzlich alles in Frage. Ob sie überhaupt noch Velo fahren wollte, fragte sie sich. Ob sich das Risiko lohne? Ob sie überhaupt gemacht war für diesen Sport. Als ich ihr in einem ersten Telefongespräch kurz nach dem Wettkampf die Wichtigkeit vom Rückschritt erklärte, reagierte sie genervt. Ich wusste schon damals, dass die Faszination «Rückschritt» in ihrer aktuellen Verfassung nicht einmal im Ansatz einen Hauch von Magie hatte. Zu tief sass der Frust. Was folgte, war eine Phase der Unsicherheit und Selbstzweifel. In dieser Phase machte ich ihr in einem weiteren Setting bewusst, was sie alles schon erreicht hatte und inwiefern sie sich entwickelte. Diese Zeit war entscheidend. Sie lernte, sich selbst besser zu verstehen. Sie fand neue Wege, mit Druck umzugehen. Sie setzte sich mit ihrem innersten «Warum» auseinander. Und acht Monate später – acht (!) Monate nach diesem dramatischen Sturz – fuhr sie ihren bisher grössten Sieg ein. Nicht trotz des Rückschlags, sondern genau wegen des Rückschlags. Rückschritte fühlen sich im ersten Moment wie Niederlagen an. Hart, frustrierend und sinnlos. Doch genau hier liegt oft der grösste Entwicklungsschub verborgen. Ein Rückschritt zwingt uns, Dinge zu überdenken. Viele Sportler machen erst dann echte mentale Fortschritte, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Diese Entwicklung darf ich immer wieder erleben. Aus Enttäuschung entsteht auf einmal mehr Fokus, mehr Klarheit, mehr Selbstvertrauen. Ein Rückschritt ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein natürlicher Teil des Weges. Und: Manchmal ist genau dieser Schritt zurück nötig, um mit Anlauf weiter zu springen als je zuvor.

Oliver Kahn und die Kraft der Niederlage

Das Muster – im Rückschritt eine Niederlage zu sehen – zeigt sich nicht nur bei jungen Athleten, sondern auch bei den ganz Grossen. Oliver Kahn, der legendäre Torhüter des FC Bayern München, hat 1999 eine bittere Niederlage erlebt: Das verlorene Champions-League-Finale gegen Manchester United, als Bayern in den letzten Minuten zwei Gegentore kassierte und alles verlor. Kahn spricht heute offen darüber, dass dieser Moment der grösste Tiefpunkt seiner Karriere war – und gleichzeitig der Anfang von allem. Er nennt es rückblickend eine Art «Geburtsstunde» seiner späteren Erfolge. Ohne diese Erfahrung, so sagt er, hätte er sich nie so intensiv mit sich selbst, mit Druck, Verantwortung und Leistung auseinandergesetzt. Und wer weiss – vielleicht hätte es den Champions-League-Triumph 2001 nie gegeben, hätte es nicht diesen bitteren Moment 1999 gegeben. Ein weiteres Beispiel aus meiner Arbeit handelt um einen Athlet, mit dem ich über Wochen sehr intensiv gearbeitet habe: Wir haben sämtliche Tools durchgespielt, Routinen aufgebaut, mentale Strategien verinnerlicht. Er war bereit und trotzdem kam es am Wettkampftag zur bitteren Niederlage. Das Ergebnis war niederschmetternd. Was war falsch gelaufen? Hatten wir etwas übersehen? Die Wahrheit ist: Manchmal passiert es einfach. Es gibt keine Garantie. Und genau das macht Sport – und das Leben – so unvorhersehbar. Aber dieser Rückschlag war nicht umsonst. Nur zwei Monate später gewann er den Schweizer Meistertitel und kontaktierte mich daraufhin mit einer WhatsApp-Sprachnachricht und meinte: «Erst jetzt verstehe ich, was du gemeint hast mit den Worten, ich solle den Rückschritt feiern.» Das tönt für mich plausibel. Denn: Menschen müssen Erfahrungen machen, um Dinge zu erkennen und akzeptieren.

Wieso ist das so?

Ich bin überzeugt, dass Rückschritte zur Entwicklung gehören. Sie zeigen uns unsere blinden Flecken. Sie zwingen uns, hinzusehen. Sie bringen uns in Kontakt mit uns selbst. Mit unseren Ängsten. Mit unseren Werten. Mit unserer Motivation. Kurzum: Sie machen uns langfristig resistenter und stärken unser Profil. Das ist kein bequemer Prozess. Im Gegenteil: Es braucht Mut, Rückschläge zu verarbeiten. Es braucht Geduld und genau die haben viele Sportler:innen nicht. In einer Welt, die ständig Resultate sehen will, fehlt oft der Raum, um Misserfolg anzunehmen und zu durchleben. Ich bin überzeugt: Wir feiern den Erfolg – zurecht. Aber wir sollten auch dem Misserfolg einen Platz geben. Denn oft ist es der Misserfolg, der die Basis für spätere Siege legt. Persönlich glaube ich daran, dass wir lernen müssen, den gesamten Weg zu akzeptieren und nicht nur die Höhepunkte. Rückschritte sind nicht das Ende. Sie sind oft nicht einmal ein Umweg sondern sie sind ein Teil vom Weg. Und dennoch verstehe ich, dass Rückschritte weh tun. Sie stellen vieles in Frage. Sie kratzen am Selbstwert. Aber! Sie tragen auch das Potenzial in sich, unser Denken, Fühlen und Handeln auf ein neues Level zu heben. Und sie sind das grösste Geschenk, das uns die persönliche Entwicklung machen kann, wenn es darum geht immer weiter, höher und besser zu werden.

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Der Autor

Name: Simon Kalbermatten

Beruf: Sport Mental Coach, Ausbildner, Mentor, Radioprofi, Journalist, Autor

Website: simonkalbermatten.ch

Motto: «Du kannst – Ende der Geschichte»

Ausbildner in: Mentales Training im Sport

Simon Kalbermatten

Erfolg beginnt im Kopf – von diesem Grundsatz ist Simon Kalbermatten überzeugt. Wer sich ein realistisches Ziel setzt und die Bereitschaft hat, seine Ressourcen dahingehend optimal einzusetzen, wird Erfolg haben. Seit mehreren Jahren staunt Simon Kalbermatten darüber, was er durch das Training von mentaler Stärke aus den Fussballteams, die er trainiert, herausholt. Dass er als Walliser an der Sport Mental Akademie in Zürich gelandet ist, entspricht keinem Zufall. Menschen faszinieren ihn seit Jahren und der Sport interessiert ihn, seit er in den Kinderschuhen steckt. Demnach will er Sportler auf dem Weg zum Erfolg begleiten und ihnen Optionen aufzeigen, wie sie das Optimum aus sich herausholen können. Sein Motto lautet: «Du kannst – Ende der Geschichte.» Bist du bereit, deine Geschichte zu schreiben?