Ich nehme dich gerne mit in einen Einsatz, den ich erlebt habe. Es war ein enger Keller. In der Ecke stand ein Sturmgewehr. Ein Messer lag auf dem Boden. Ich war der Erste von unserem Team, der in den Raum ging. Weil die Platzverhältnisse schwierig waren, musste ich zuerst alleine gehen. Es gab Schwierigkeiten und es dauerte, bis weitere Männer nachkamen. Was mich in diesem Moment trug, war nicht der Adrenalinstoss oder Selbstvertrauen. Es war etwas, das ich lange vorher bewusst und unbewusst begann ins Training zu integrieren: Präsenz. Ich habe trainiert, trotz Druck, Gefahr, Motivation und Adrenalin, ruhig zu bleiben.

Der Moment, der alles auf den Punkt bringt

Ich war während mehrerer Jahre Einsatzleiter und Präzisionsschütze in einer Spezialeinheit der Polizei. Dort gib es Einsätze, bei denen keine Sekunde für Unklarheit bliebt. Bei dem Einsatz, den ich gerade beschrieben habe, konnten wir davon ausgehen, dass die Lage heikel war: Eine bewaffnete Person hatte Bauarbeiter mit einem Sturmgewehr bedroht. Als sich die Hinweise häuften, dass sie sich im Keller verschanzt hatte, planten wir den Zugriff und führten ihn durch.

Wie beschrieben liessen die Platzverhältnisse keine direkte Unterstützung durch das Team zu. Ich musste die Person beschäftigen und Zeit schinden. Konsequent und ohne Aufzugeben. Das Ziel dabei war klar: verhindern, dass sie zum Messer oder zum Gewehr greift.

Was war damals in meinem Kopf? Konzentrierte, kontrollierte Stille. Kein Lärm, keine Panik, keine gespielte Ruhe. Nur Klarheit darüber, was jetzt zu tun ist.

Präsenz ist keine Charaktereigenschaft

Was ich damals noch nicht in Worte fassen konnte, verstehe ich heute durch meine Bildung und Arbeit sehr vertieft. Die Wissenschaft nennt diesen Zustand „Attentional Control“ – die Fähigkeit, unter Druck die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und zu halten. Es ist also eine trainierbare Kompetenz.

Der Neurowissenschaftler Arne Dietrich beschreibt in seiner Theorie der transienten Hypofrontalität, wie intensive körperliche Aktivität den präfrontalen Kortex (zuständig für Grübeln, Selbstzweifel und Überanalyse) vorübergehend hemmt. Was daraus entstehen kann, ist ein klarer, handlungsorientierter mentaler Zustand. Bis hin zu Flow. Ich habe ihn für mich „den Modus“ genannt.

Csíkszentmihályi beschrieb diesen Zustand als das Gleichgewicht zwischen Anforderung und Fähigkeit. Nicht zu langweilig, nicht überfordernd. Bei mir war die Situation alleine im Keller die Herausforderung. Meine Fähigkeit zur Präsenz (in den „Modus“ zu kommen) war das, was mich getragen hat.

Die Polarität: Ruhe und Chaos gehören zusammen

Das ist ein Paradox, das ich damals intuitiv lebte und erst später wissenschaftlich verstanden habe.

Aspekt 1: Höchste Präsenz im Chaos ist nur möglich, wenn du Präsenz auch in der Ruhe trainierst.

Aspekt 2: Ein Teamkollege und ich hatten ein Credo: Wir geben viel bei der Arbeit, also nehmen wir uns auch viel vom Leben. Das war nicht als Lizenz zum Leichtsinn gemeint. Es war eher ein Überlebensprinzip. Ich habe bewusst die Leinen losgelassen, wo es möglich war. Langsam gehen, langsam arbeiten, Kontakt mit Menschen ausserhalb der Polizei-Bubble pflegen, Dinge tun, die Freude machen, sich gönnen, was man möchte. Bewusst erinnern, dass die Welt zu 98 Prozent nicht aus dem besteht, was wir in unserem Umfeld und in Einsätzen erleben.

Die Neuropsychologie unterstützt diesen Ansatz. Das Nervensystem braucht echte Erholungsphasen, um reguliert zu bleiben. Wer dauerhaft im Aktivierungsmodus bleibt, verliert die Regulationsfähigkeit, die er im Extremmoment braucht. Präsenz ist und darf kein Dauerzustand sein. Sie ist das Ergebnis einer Pendelbewegung zwischen Anspannung und echter Entspannung.

Autogenes Training: mein Werkzeug für mehr Präsenz

Zu Beginn meiner Zeit bei der Spezialeinheit hatte ich eine Mentaltrainerin. Dort lernte ich unter anderem Autogenes Training (AT) kennen. Und ich praktiziere es bis heute. AT ist eine Form der konzentrierten Selbstentspannung, die denselben Mechanismus zur Aufmerksamkeitskontrolle trainiert, den die aktuelle Mindfulness-Forschung als zentrale mentale Kompetenz im Hochleistungskontext nennt. Kombiniert mit individuellen Visualisierungen und Selbstinstruktionen wurde AT für mich zum Werkzeug, das mich über Jahre getragen hat.

Ich wurde früher oft gefragt und werde es auch heute noch manchmal: Hattest du keine Angst bei der Arbeit? Meine ehrliche Antwort ist: Ich war fokussiert. Angst braucht Raum im Kopf. Und diesen Raum habe ich durch Training bewusst gelernt zu besetzen. Ich nehme an, dass ich sonst Angst gehabt hätte.

Was das für dich bedeutet

Mentale Stärke bedeutet nicht, immer stark zu sein. Es bedeutet, die Bedingungen zu schaffen und die mentalen Kompetenzen stetig weiter zu entwickeln. Damit die jeweils beste Version von dir selbst zuverlässig abrufbar ist. Für mich war das bei der Polizei das Gleiche wie im Sport, in der Führung, im Leben: Präsenz ist keine Frage des Muts. Sie ist die Ernte der Vorbereitung.

Konkret kannst du dich fragen: Wie sieht deine Off-Zeit wirklich aus? Nicht als theoretische Absicht, sondern direkt morgen und nächste Woche? Wer bist du ausserhalb deiner Hauptrolle? Was trainierst du, damit dein Nervensystem im Moment, wo es darauf ankommt, klar und reguliert ist?

Ich habe damals intuitiv gehandelt. Kombiniert mit dem heutigen Wissens- und Erfahrungsstand möche ich gerne weitergeben: Gelassenheit entsteht nicht im Sturm. Sie entsteht in der Stille und wird dann im Sturm sichtbar.

Literatur

Csíkszentmihályi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.

Dietrich, A. (2003). Functional neuroanatomy of altered states of consciousness: The transient hypofrontality hypothesis. Consciousness and Cognition, 12(2), 231–256.

Eysenck, M. W., Derakshan, N., Santos, R., & Calvo, M. G. (2007). Anxiety and cognitive performance: Attentional control theory. Emotion, 7(2), 336–353.

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Der Autor

Name: Andreas Baumgartner

Beruf: Dipl. Sport Mental Coach, Mentaltrainer

Website: kopfbenzin.ch

Motto: «Deine Mentalität bestimmt deine Realität.“

Andreas Baumgartner nutzt seine persönlichen Erfahrungen im Mental Training und bringt diese als Ausbildner mit ein. Andreas macht seine persönliche Erfahrung mit Mentaltraining als Langdistanz Triathlet, im Schiessen und in seiner mehrjährigen beruflichen Tätigkeit als Mitglied und Einsatzleiter in einem High Performance Team. Berufsbegleitend hat Andreas angewandte Psychologie studiert. Es bereitet ihm sehr viel Freude im sportlichen Umfeld zu arbeiten und seine fachlichen und praxisnahen Erfahrungen in diesen Bereich zu investieren.

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