Manchmal stellen wir uns im Leben die richtig grossen Fragen: Wer bin ich eigentlich wirklich? Kenne ich mich selbst? Oder laufe ich durch mein Leben, ohne mir über meine Stärken, Schwächen und Grenzen im Klaren zu sein?
Diese Fragen begleiten uns oft über lange Phasen hinweg. In Momenten der Unsicherheit, aber auch dann, wenn wir wachsen und uns weiterentwickeln möchten. Genau diese Gedanken haben mich dazu bewegt, mich intensiver mit dem Thema Selbstbewusstsein zu beschäftigen. Denn in meinem Berufsfeld, in dem ich unter anderem das Bewegte Brain-Training anwende und Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung begleite, begegnet mir immer wieder dieselbe Erkenntnis: Wer sein Selbstbewusstsein stärkt, entfaltet automatisch mehr von seinem eigenen Potenzial. Diese Überzeugung und die praktischen Erfahrungen daraus möchte ich hier gerne teilen.

Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen: Zwei Seiten einer Medaille

Zunächst lohnt es sich, den Unterschied zwischen Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen klarzumachen, denn beides wird oft verwechselt. Selbstbewusstsein bedeutet, sich seiner selbst bewusst zu sein. Das heisst, man kennt seine Gefühle, Gedanken, Werte und Fähigkeiten. Es geht darum, ehrlich zu erkennen, wer man ist.
Selbstvertrauen hingegen beschreibt die Zuversicht in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen. Man glaubt an die eigene Wirksamkeit und die Fähigkeit, gesteckte Ziele zu erreichen. Ohne ein echtes Bewusstsein über sich selbst kann Selbstvertrauen leicht ins Wanken geraten, denn auf unsicherem Boden kann kein stabiles Vertrauen wachsen. Umgekehrt gilt: Je besser ich mich selbst kenne, desto fester und authentischer kann mein Selbstvertrauen sein. Selbstbewusstsein bietet somit die Grundlage, auf der echtes Selbstvertrauen aufbaut.

Wachstum beginnt ausserhalb der Komfortzone

Doch wie kann man dieses Bewusstsein entwickeln? Hier spielt das bewusste Stellen von Herausforderungen eine entscheidende Rolle. Wer sich nur innerhalb der eigenen Komfortzone bewegt, erlebt kaum Entwicklung. Dies zeigt sich besonders anschaulich im Sport: Wird die Muskulatur nicht regelmässig neuen, stärkeren Reizen ausgesetzt, bleibt sie auf ihrem gewohnten Niveau. Ein Muskel braucht Überforderung, damit er wachsen kann.
Ähnlich funktioniert unser Gehirn: Studien zeigen, dass neue neuronale Verbindungen durch gezielte Überforderung entstehen. Dieser Prozess ist bekannt als die neuronale Plastizität. Gerade im Bewegten Brain-Training basiert die Leistungsoptimierung genau auf dieser Idee: Nur wer sich auf Aufgaben, die ihn fordern und manchmal auch überfordern, einlässt, kann seine neuronale Struktur weiterentwickeln. Jede neue, herausfordernde Erfahrung stimuliert das Gehirn und schafft die Grundlage für nachhaltige Veränderungen.
Übertragen auf die persönliche Entwicklung bedeutet das: Wer psychisch wachsen möchte, muss sich ebenfalls regelmässig Herausforderungen, die ausserhalb des Gewohnten liegen, stellen. Es reicht nicht, sich in angenehmen Routinen einzurichten. Wachstum beginnt dort, wo wir Unsicherheit spüren und dennoch weitermachen. Die bewusste Auseinandersetzung mit dem Unbekannten ist also der Motor für die innere Reifung.

Die Suche nach den eigenen Grenzen

Doch hier liegt auch eine der grössten Herausforderungen: Wer kennt schon wirklich seine eigenen Grenzen? Oftmals überschätzen oder unterschätzen wir uns. Die Suche nach der eigenen Grenze ist ein Prozess, der niemals ganz abgeschlossen ist. Er erfordert Mut, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, immer wieder Neues über sich selbst zu lernen.
Ein hilfreiches Modell, um sich diesem Prozess bewusster zu stellen, ist das Modell der Kompetenzstufenentwicklung. Es beschreibt vier Phasen der Entwicklung:

  • Unbewusste Inkompetenz: Ich weiss nicht, dass ich etwas nicht kann.
  • Bewusste Inkompetenz: Ich erkenne, dass ich etwas nicht beherrsche.
  • Bewusste Kompetenz: Ich kann etwas, muss mich dabei aber noch konzentrieren.
  • Unbewusste Kompetenz: Ich kann etwas mühelos, ohne darüber nachzudenken.

Besonders die Phase der bewussten Inkompetenz ist spannend und zugleich herausfordernd. Da begegnen wir unseren tatsächlichen Grenzen. Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein, aber sie ist die Grundlage jeder echten Weiterentwicklung. Hier beginnt der Weg von der Einsicht zur aktiven Gestaltung unserer Fähigkeiten. Wer akzeptiert, dass man etwas noch nicht kann, öffnet sich gleichzeitig der Möglichkeit, daran zu wachsen.

Selbstbewusstsein als Schlüssel zum persönlichen Wachstum

Selbstbewusstsein zu stärken bedeutet also nicht, sich perfekt zu fühlen, sondern sich selbst ehrlich und liebevoll zu begegnen. Dazu zählen alle Stärken, aber auch alle Grenzen bzw. Schwächen. Gerade in dieser liebevollen Akzeptanz liegt die Basis für authentisches Wachstum und wahre innere Stärke. Genau darin liegt die grösste Chance auf persönliches Wachstum, denn wer seinen Geist stärkt, wer sich auf Herausforderungen einlässt und bewusst seine Grenzen auslotet, entfaltet nach und nach sein ganz eigenes, einzigartiges Potenzial. Am Ende des Tages ist alles ein Training: Nur wenn wir uns fordern, wird etwas in Bewegung gesetzt. Dies gilt für den Körper, das Gehirn und den Geist. Unser Wachstum ist kein Zufall, sondern das bewusste Ergebnis unserer täglichen Entscheidungen, uns immer wieder aufs Neue herauszufordern.

Quellenangaben:
– Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. New York, NY: W.H. Freeman.
Burch, N. (1970). Four stages of competency. Gordon Training International.

– Draganski, B., Gaser, C., Busch, V., Schuierer, G., Bogdahn, U., & May, A. (2006). Neuroplasticity: changes in grey matter induced by training. Nature, 311-312. .
– Gordon, T. (1975). Teacher effectiveness training: The program proven to help teachers bring out the best in students of all ages. Crown Archetype.
– Hebb, D. O. (1949). The organization of behavior: A neuropsychological theory. New York: Wiley.
– Rosenberg, M. (1965). Society and the adolescent self-image. Princeton, NJ: Princeton University Press.

©sportmentalakademie.com – Auf Kopieren oder anderweitiges Vervielfältigen wird mit rechtlichen Schritten reagiert.

Der Autor

Name: Isabel Hirzel

Beruf: Lehrgang-Entwicklerin und Dozentin

Website: w1nner.com

Motto: «Lerne dich jeden Tag besser kennen, um glücklich zu leben.»

Ausbildner in: Mentales Training im Sport, Bewegtes Brain-Training

Isabel Hirzel

Isabel Hirzel bringt als junge Dozentin neueste Erkenntnisse des Unterrichtens in ihre Kurse ein. Mit ihrem umfassenden Fachwissen zu Gesundheit, menschlichem Körper, Bewegung und Sport sowie methodischen und didaktischen Konzepten fördert sie optimal Bewegte Brain-Trainer:innen. Ihre aktive Tätigkeit als Bewegte Brain-Trainerin und Sportarten-Trainerin verstärkt ihr Verständnis für Trainingsgestaltung, um Lernerfolge der Kursteilnehmer:innen zu optimieren. Isabels Ziel ist es, durch individuelle Unterstützung alltagsnahe Anwendungsmöglichkeiten des Bewegten Brain-Trainings aufzuzeigen und das Selbstvertrauen der Teilnehmenden zu stärken.