Zwischen Leistungsdruck und Potenzialentfaltung

„Let your child enjoy themselves. Only 1% of children will arrive to play professionally – so your child’s objective and yours as a parent is that your child is happy.“ – Luis Enrique

Dieses Zitat des PSG-Trainers Luis Enrique bringt das Thema auf den Punkt: Nur ein Bruchteil aller Kinder wird Profi. Was aber alle jungen Sportler:innen brauchen, ist ein stabiles Umfeld, in dem sie ihr volles Potenzial entfalten können und das beginnt nicht beim Verein oder Coach, sondern zu Hause.

Im Fokus dieses Beitrags stehen die Rolle der Eltern im Nachwuchssport, ihre Wirkung auf das emotionale Erleben der Kinder sowie auf deren Entwicklung eines nachhaltigen Erfolgs-Mindsets. Im Kontext des diesjährigen Mottos der Sport Mental Akademie „Ihr Erfolgs-Mindset: Stärken Sie Ihren Geist – entfalten Sie Ihr Potenzial“ und dem Monatsthema Emotionale Intelligenz schreibe ich darüber, wie Eltern entscheidend zur mentalen Entwicklung junger Athlet:innen beitragen oder diese ungewollt behindern können.

Wenn gut gemeint zu viel wird: Der Einfluss von Elternfokus auf Leistung und Psyche

Studien zeigen, dass ein elterlicher Fokus auf Resultate und Sieg gravierende Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung von Kindern im Sport hat:

  • Erhöhte Angst
  • Stärkere Versagensangst
  • Weniger Selbstwirksamkeit

Elterlicher Leistungsdruck kann laut Power & Woolger die Freude am Sport mindern. Es zeigt zudem, dass dieser Druck langfristig die Drop-out-Rate aus dem Leistungs- und Spitzensport erhöht. Wer immer das Gefühl hat, nicht zu genügen, verliert die Motivation und die emotionale Bindung an den Sport.

Für mich schliesst sich daraus folgendes Fazit: Kinder brauchen keine zweiten Coaches. Sie brauchen Eltern, die sie vor, während und nach dem Spiel emotional unterstützen und tragen.

Emotionale Intelligenz beginnt zu Hause

Emotionale Intelligenz umfasst die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv damit umzugehen. Eltern, die ihre eigenen Erwartungen reflektieren und empathisch kommunizieren, helfen ihren Kindern ein gesundes Selbstbild aufzubauen, Misserfolge emotional zu verarbeiten und soziale Kompetenzen zu entwickeln.

Laut Gerber & Storch ist diese emotionale Kompetenz eine zentrale Ressource für sportliche Resilienz und mentale Stärke. Gerade im Nachwuchssport, wo Selbstwert stark an Leistung respektive Resultate geknüpft sein kann, brauchen Kinder Bezugspersonen, die ihnen bedingungslose Wertschätzung signalisieren und entgegen bringen.

Wie Eltern die mentale Entwicklung ihres Kindes stärken können

Basierend auf sportpsychologischen Empfehlungen:

  • Lob für Einsatz, nicht nur Ergebnis
  • Entwicklung sichtbar machen („Weisst du noch, wie schwer dir das früher fiel?“)
  • Fokus auf Spass und Freude statt nur auf Sieg
  • Teamwork und Fairplay betonen
  • Fehler nicht kritisieren, sondern gemeinsam analysieren
  • Respekt für Trainer:innen und Mitspieler:innen vorleben
  • Keine taktischen Anweisungen von der Seitenlinie
  • Emotionale Unterstützung bei Niederlagen (nicht bagatellisieren)
  • Lob für Fairness und Haltung
  • Klare Trennung: Elternrolle vs. Coachingrolle
  • Gemeinsame Rituale vor und nach Wettkämpfen etablieren
  • Nicht im Auto nach dem Spiel analysieren, sondern lieber zuerst zuhören

Elternarbeit als Teil des Mentaltrainings

Professionelle Mental Coaches beziehen Eltern gezielt mit ein. Denn das Familiensystem ist ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung von Selbstvertrauen und emotionaler Stabilität. Eltern können durch mentales Grundwissen und gezielte Reflexion ihrer Rolle enorm zur Leistungsfähigkeit ihres Nachwuchses beitragen. Was Eltern aus meiner Erfahrung sehr unterstützt, sind eigene Entspannungs- und Selbstregulationsstrategien, Kommunikationsstrategien (z.B. gewaltfreie Kommunikation im Sportkontext) und ein Verständnis für mentale Belastungen des Kindes.

Fazit

Erfolg ist, wenn dein Kind eigenständig gerne im Sport weitermacht.

Emotionale Intelligenz im Sport beginnt bei den Erwachsenen. Wenn Eltern es schaffen, ihr Kind als Mensch zu sehen, nicht beispielsweise als Projekt, entsteht ein Raum für echtes Wachstum.

Das Ziel soll nicht der Profivertrag sein, sondern ein Kind, das motiviert, selbstbewusst und mit Freude Sport treibt. Das ist das wahre Erfolgs-Mindset. Und das ist eine Haltung, die nicht nur auf dem Sportplatz wirkt, sondern fürs Leben.

Quellenangaben:
– Amado, D. et al. (2015). Impact of parental involvement on young athletes’ enjoyment. European Journal of Human Movement.
– Bean, C. et al. (2016). Parental influence and child anxiety in youth sport. Journal of Applied Sport Psychology.
– Bender, C. & Draksal, M. (2011). Das Lexikon der Mentaltechniken. Leipzig: Draksal Fachverlag.
– Gerber, M. (2013). Systemisches Coaching im Leistungssport. Sportverlag Strauss.
– Gerber, M. & Storch, J. (2022). Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport. Springer.
– Knight, C. J., Boden, C. M., & Holt, N. L. (2010). Junior tennis players‘ preferences for parental behaviors. Journal of Applied Sport Psychology, 22(4), 377–391.
– Power, T. G., & Woolger, C. (1994). Parental practices and children’s sports performance. Journal of Youth and Adolescence.
– Sagar, S. S., & Lavallee, D. (2010). The developmental origins of fear of failure in adolescent athletes. Psychology of Sport and Exercise, 11(3), 177–187.

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Der Autor

Name: Andreas Baumgartner

Beruf: Mentaltrainer

Website: kopfbenzin.ch

Motto: «Deine Mentalität bestimmt deine Realität.»

Ausbildner in: Zertifikat Mentales Training im Sport, Diplom Sport Mental Coach

Andreas Baumgartner

Andreas Baumgartner nutzt seine persönlichen Erfahrungen im Mental Training und bringt diese als Ausbildner mit ein. Andreas macht seine persönliche Erfahrung mit Mentaltraining als Langdistanz Triathlet, im Schiessen und in seiner mehrjährigen beruflichen Tätigkeit als Mitglied und Einsatzleiter in einem High Performance Team. Berufsbegleitend hat Andreas angewandte Psychologie studiert. Es bereitet ihm sehr viel Freude im sportlichen Umfeld zu arbeiten und seine fachlichen und praxisnahen Erfahrungen in diesen Bereich zu investieren.