Ich mag junge, ambitionierte Sportler:innen. Ich mag Menschen, die mutig genug sind, gross zu denken und ihre Ziele klar zu formulieren. Genau deshalb ist mir ein Satz aus einem Coaching-Gespräch kürzlich besonders in Erinnerung geblieben. Ein junger Athlet sagte zu Beginn unserer Zusammenarbeit ganz selbstverständlich: «Ich habe dich als Sport Mental Coach ausgewählt, weil ich Schweizer Meister werden will.»

Ich musste innerlich schmunzeln. Nicht, weil ich die Aussage vermessen fand, sondern weil sie mich beeindruckte. Gleichzeitig begleiten mich Werte, die ich von zu Hause mitbekommen habe. Demut. Bodenständigkeit. Bescheidenheit. Werte, die ich heute bewusst lebe. Für mich schliessen sich grosse Ziele und Demut überhaupt nicht aus. Im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass genau diese Kombination nachhaltig erfolgreich macht: Einerseits der Mut, Grosses auszusprechen und gleichzeitig die Bereitschaft, jeden einzelnen Schritt dorthin mit Geduld, Fleiss und Respekt vor dem Prozess zu gehen. Doch was passiert eigentlich genau, wenn wir ein Ziel klar formulieren?

Ziele klar aussprechen und definieren

Über Zielsetzungen wurde schon unendlich viel geschrieben. SMART-Ziele gehören heute praktisch zum Standardrepertoire jedes Coaches. Ziele sollen spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert sein.

Aus meiner Sicht gibt es einen Punkt, der häufig zu wenig Beachtung erhält: Ein Ziel muss zwingend ambitioniert sein. Natürlich bleibt es realistisch, aber gleichzeitig so herausfordernd, dass es uns aus der Komfortzone zwingt.

Ein persönliches Beispiel: Im Winter steige ich gerne auf die Langlaufskier. Manchmal laufe ich 20 bis 25 Kilometer. Zwischendurch laufe ich einen Halbmarathon. Rein körperlich weiss ich deshalb, dass ich einen Marathon schaffen kann. Aber eben nicht mit dem gleichen Trainingsaufwand wie bisher. Sobald ich dieses Ziel ausspreche, entsteht für mich ein Commitment, eine Verpflichtung mit mir selber. Es gibt keinen einfachen Rückzug mehr. Der Knopf ist gedrückt.

Genau das fasziniert mich.

Das Aussprechen eines Zieles verändert etwas. Plötzlich wird aus einem Gedanken eine Verpflichtung. Aus einer Idee entsteht Verantwortung. Wir schicken uns selber bewusst aus der Komfortzone. Nach mittlerweile sieben Jahren im Sport Mental Coaching habe ich eines gelernt: Sportartübergreifend finden Athlet:innen ihr ganzes Potenzial erst dann, wenn sie bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen. Wachstum fühlt sich selten bequem an. Es braucht Mut. Es braucht Disziplin. Und manchmal braucht es den unbequemen Moment, in dem wir unser Ziel laut aussprechen.

Der Hintergrund – warum macht das Sinn?

Viele Sportler formulieren Ziele, die eigentlich gar keine sind.
«Wir möchten möglichst viele gute Resultate erzielen.»
«Ich möchte mich im Training ständig verbessern.»
«Ich will eine gute Saison zeigen.»

Das klingt sympathisch. Es motiviert kurzfristig. Aber niemand weiss genau, wann dieses Ziel erreicht wäre. Genau dort beginnt das Problem.

Ein unklar formuliertes Ziel öffnet bereits die erste Tür für Ausreden. Bleibt der Erfolg aus, findet sich schnell eine Erklärung. Das Wetter. Das Material. Der Gegner. Der Trainer. Die Vorbereitung. Irgendetwas passt immer. Auch solche Athlet:innen sitzen immer wieder bei mir im Coaching-Zimmer. Spätestens wenn ich ihnen sage, dass Ausreden die Sprache der Verlierer sind, beginnt häufig ein Perspektivenwechsel. Nicht, weil Rückschläge plötzlich verschwinden. Sondern weil wir den Fokus wieder dorthin lenken, wo er hingehört: auf einen klaren Plan und eine klar definierte Zielsetzung.

Achtung: Natürlich gehören Rückschritte dazu. Nicht jede Leichtathletin, die sich das Podest zum Ziel setzt, wird tatsächlich unter den ersten Drei landen. Nicht jeder Skifahrer wird Schweizer Meister, wenn er es sich zum Ziel gesetzt hat. Nicht jede Fussballerin schafft den Sprung in die höchste Liga.

Ziele zu verfehlen gehört zum Sport.
Keine Ziele zu haben, ist viel problematischer.

Wer sich ambitionierte Ziele setzt und diesen Entwicklungsprozess gemeinsam mit einer Begleitperson bewusst geht, gewinnt immer. Vielleicht nicht immer die Medaille. Aber ganz sicher wertvolle Erfahrungen.

Man lernt unglaublich viel über den eigenen Körper. Über den eigenen Kopf. Über Disziplin. Über Belastbarkeit. Über den Umgang mit Rückschlägen. Über die Bereitschaft, die Extrameile zu gehen. Und über den Mut, den eigenen Traum offen auszusprechen. Genau in diesem Moment machen wir uns allerdings auch angreifbar.

Das Risiko, sich angreifbar zu machen

Wer ein grosses Ziel öffentlich ausspricht, öffnet automatisch eine Tür für Kritik. Auch mein Athlet macht sich angreifbar, wenn er seinem Umfeld erzählt, dass er im Frühjahr 2027 Schweizer Meister werden möchte.

Manche werden lächeln. Andere werden ihn für überheblich halten. Wieder andere werden genau beobachten, ob er scheitert. Genau deshalb empfehle ich meinen Athlet einen bewussten Umgang mit ihren Zielsetzungen und sage ihnen:

Ja. Sprecht eure Ziele aus.
Ja. Macht dieses Commitment.

Aber kommuniziert eure grossen Ziele dort, wo Vertrauen vorhanden ist. Im engsten Umfeld. Bei Menschen, die euch ehrlich unterstützen. Im sicheren Hafen. Nicht auf der grossen Angriffsplattform Social Media.

Dort wird häufig beurteilt, bevor überhaupt verstanden wird. Dort entstehen Diskussionen, die niemandem helfen. Ein Ziel braucht nicht möglichst viele Zuschauer. Es braucht die richtigen Menschen, die mittragen, motivieren und auch in schwierigen Phasen an einen glauben. Der angenehme Druck, der durch ein ausgesprochenes Ziel entsteht, reicht vollkommen aus. Mehr braucht es nicht.

Der garantierte Fortschritt

Auch ich arbeite mit konkreten Zielsetzungen. Meine Halbmarathonzeit im Laufsport aus dem vergangenen Jahr kenne ich genau. In den letzten vier Jahren konnte ich sie jedes Jahr um ungefähr dreissig bis vierzig Sekunden verbessern. Für diesen Herbst habe ich mir jedoch ein anderes Ziel gesetzt. Ich möchte gleich dreieinhalb Minuten schneller laufen.

Objektiv betrachtet ist das enorm ambitioniert. Vor allem deshalb, weil ich aus verschiedenen Gründen weniger Zeit fürs Training habe als im vergangenen Jahr. Der Trainingsumfang wird also kaum grösser werden. Gleichzeitig fühle ich mich körperlich deutlich besser. Ich schlafe mehr. Ich bin frischer. Ich erhole mich schneller. Deshalb glaube ich trotzdem an dieses Ziel.

Und nun stellen wir uns vor, ich scheitere an der Zeit. Konkret: Ich verbessere meine Zeit «nur» um drei Minuten. Dann habe ich mein ursprüngliches Ziel zwar verpasst. Verglichen mit dem Vorjahr habe ich trotzdem einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Genau darum geht es.

Ambitionierte Ziele verschieben unsere Leistungsgrenze. Selbst wenn wir sie nicht vollständig erreichen, landen wir häufig deutlich weiter vorne, als wenn wir von Beginn an klein gedacht hätten.

Der junge Athlet, der Schweizer Meister werden möchte, stand bisher noch nie auf einem Podest bei nationalen Rennen. Ein Titel wäre eine Überraschung. Gleichzeitig bleibt das Ziel realistisch, wenn auch äusserst ambitioniert.

Und sollte er am Ende «nur» Bronze oder Silber gewinnen? Dann hat er einen gewaltigen Entwicklungsschritt gemacht. Einen Schritt, den er vielleicht nie erreicht hätte, wenn sein Ziel von Anfang an lediglich ein Platz unter den besten Acht gewesen wäre. Deshalb lautet meine Empfehlung an alle Sportler:innen: Setzt eure Ziele mutig, realistisch und zwingend ambitioniert. Traut euch, sie gemeinsam mit eurer Begleitperson auszusprechen. Geht diesen hochspannenden Entwicklungsprozess bewusst an – am besten mit Demut, Geduld und der Bereitschaft, auch schwierige Phasen auszuhalten.

Denn eines gilt im Sport immer: Wer sich ambitionierte Ziele setzt, gewinnt langfristig. Garantiert.

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Der Autor

Name: Simon Kalbermatten

Beruf: Dipl. Sport Mental Coach, Ausbildner, Mentor, Radioprofi, Journalist, Autor

Website:  simonkalbermatten.ch

Motto:  «Du kannst – Ende der Geschichte»

Simon Kalbermatten

Erfolg beginnt im Kopf – von diesem Grundsatz ist Simon Kalbermatten überzeugt. Wer sich ein realistisches Ziel setzt und die Bereitschaft hat, seine Ressourcen dahingehend optimal einzusetzen, wird Erfolg haben. Seit mehreren Jahren staunt Simon Kalbermatten darüber, was er durch das Training von mentaler Stärke aus den Fussballteams, die er trainiert, herausholt. Dass er als Walliser an der Sport Mental Akademie in Zürich gelandet ist, entspricht keinem Zufall. Menschen faszinieren ihn seit Jahren und der Sport interessiert ihn, seit er in den Kinderschuhen steckt. Demnach will er Sportler auf dem Weg zum Erfolg begleiten und ihnen Optionen aufzeigen, wie sie das Optimum aus sich herausholen können. Sein Motto lautet: «Du kannst – Ende der Geschichte.» Bist du bereit, deine Geschichte zu schreiben?

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